
Im Segment der offenen Immobilienfonds fällt in fast jedem Gespräch ein Wort: Vertrauen. Es fällt überall dort, wo die gegenwärtige Belastung der Eigenkapitalbasis erörtert wird, und die Wiederherstellung dieses Vertrauens wird häufig als Mittel gegen die anhaltend hohen Kapitalabflüsse bezeichnet.
Der Gedanke dahinter ist nachvollziehbar: Vertrauen muss sich ein Fonds durch sein Handeln erst erarbeiten. Das wiegt gerade mit Blick auf die strukturelle Schwäche offener Immobilienfonds schwer, wo langfristige, illiquide Vermögenswerte über Kapital finanziert sind, das kurzfristig abgezogen werden kann. Das vorausgesetzt, müsste das deutlichste Signal für Vertrauenswürdigkeit und Vertrauensbildung von den Fonds selbst ausgehen. Ein sehr naheliegender Schritt wäre etwa, das sich verändernde Marktumfeld zeitnah in der eigenen Berichterstattung abzubilden.
An diesem Maßstab gemessen, wirft die aktuelle Lage einige Fragen auf. Im Segment spiegeln die ausgewiesenen Bewertungen die Realität mancherorts nur teilweise wider. In einzelnen Fällen ist die Lücke bereits beträchtlich. Das bedeutet: Der ausgewiesene Wert hinkt der Marktentwicklung nicht bloß hinterher, sondern steigt kontinuierlich weiter, während sich der Markt längst gedreht hat.
In diesem Beitrag prüfen wir diese Beobachtung an einem konkreten Fonds mit geläufigem Profil: zunächst im Kontext des Marktumfelds, danach auf Basis der eigenen Fondsstruktur.
1. Die Divergenz
Um einen Fonds gegenüber dem Markt einzuordnen, braucht es zuerst einen Maßstab für den Markt, den kein einzelner Fonds beeinflussen kann. Der Gewerbeimmobilien-Preisindex der OeNB (OeNB CRE-Index) deckt diesen Zweck ab. Er erfasst den Zeitraum von Juni 2021 bis Dezember 2025 und zeigt ab Mitte 2022 einen klaren Rückgang, der mit dem Beginn des Zinserhöhungszyklus der EZB zusammenfällt. Sowohl die Indexreihe für Gewerbeimmobilien als auch jene für Gewerbe-Wohnimmobilien fallen von einem Höchststand nahe 108 bis 109 Ende 2022 auf etwa 96 Ende 2025. Je nach Assetklasse liegt der Minus-Wert gegenüber dem Hoch von Mitte 2022 zwischen rund 9 und 14 Prozent. Deutschland zeigt über denselben Zeitraum ein weitgehend vergleichbares Bild.

Derzeit reicht der offizielle OeNB CRE-Index nur bis Dezember 2025. Um die Lücke zur Gegenwart, also bis Mitte 2026, zu schließen und zu sehen, wohin sich die Preise als Nächstes bewegen, ziehen wir den D-DARKS Marktsentiment Index heran. Dieser gibt für den restlichen Verlauf des Jahres 2026 keine Entwarnung. Die Stimmung, die durchgehend aus der institutionellen Marktkommunikation erhoben wird, hat Wendepunkte im Preisindex bereits in der Vergangenheit vorweggenommen, sowohl am Hoch als auch am Tiefpunkt. Derzeit fällt der Sentiment Index erneut, was eher auf eine weitere Abschwächung der Preise als auf eine Erholung im Jahr 2026 hindeutet.

Vor diesem Hintergrund betrachten wir einen Fonds mit einem weitaus geläufigen Profil. Dieses Vehikel weist eine tägliche Net Asset Value (NAV) - Berechnung auf und hält Gewerbeimmobilien in Deutschland und Österreich. Knapp die Hälfte des Portfolios besteht aus Büroimmobilien, weitere 15 Prozent entfallen auf Gewerbe-Wohnimmobilien. In seiner Zusammensetzung kommt der Fonds dem recht nahe, was der OeNB CRE-Index abbildet. Der NAV-Verlauf, der im Wesentlichen auf gutachterlichen Bewertungen der zugrunde liegenden Objekte beruht, zeigt über denselben Zeitraum dennoch einen ununterbrochenen Wertzuwachs.

Hier weisen also zwei unabhängige Marktindikatoren nach unten, während der Fonds nach oben zeigt. Die entscheidende Frage ist schlicht: Welcher Mechanismus erlaubt es einem gutachterlich gestützten NAV, von einem Markt entkoppelt zu bleiben, dessen Entwicklung das eigene Portfolio eigentlich eins zu eins nachvollzieht?
2. Das Portfolio und das Timing
Ein Teil der Antwort liegt im Timing der Ankäufe. Ein Fonds dieses Profils verfolgt typischerweise eine prozyklische Investitionsstrategie. Vergleicht man den Zeitpunkt der Ankäufe mit den Spitzenrenditen für Büroimmobilien in Wien und Frankfurt, wird die Konzentration deutlich. Der Großteil des Portfolios wurde etwa zwischen 2016 und 2021 erworben, als die Spitzenrenditen deutlich unter dem heutigen Niveau lagen. Rund 80 Prozent wurden in diesem Niedrigzinsfenster gekauft. Die Spitzenrenditen sind seither wieder auf beziehungsweise über das Niveau von vor zehn Jahren gestiegen.

Prozyklisches Verhalten bringt meist Konsequenzen in beide Richtungen mit sich. Die Inflation hebt zwar die Mieten an und stützt dadurch die Bewertungen, doch diese Stütze wiegt die massive Renditeverschiebung der letzten zwei bis drei Jahre nicht auf. Die Berichterstattung des Fonds belegt das auf spezifische Weise: Abwertungen und Aufwertungen über das Portfolio hinweg saldieren sich zu einem vernachlässigbaren Gesamteffekt, während der NAV seinen langsamen, stetigen Anstieg fortsetzt. Das Ergebnis ist eine Kennzahl, die ruhig bleibt, während sich der Markt darunter deutlich bewegt.
3. Der Liquiditätsmechanismus
Operativ kann ein solches Portfolio durchaus solide dastehen. Eine Vermietungsquote von knapp 95 Prozent entspricht dem Benchmark vergleichbarer Fonds. Der operative Cashflow bleibt positiv, wird im ersten Halbjahr 2026 allerdings durch Instandhaltungskosten spürbar geschmälert. Der Druck entsteht daher nicht im operativen Geschäft, sondern auf der Passivseite des Fonds.
Die nachstehenden Cashflows stehen stellvertretend für den sich aufbauenden Druck. Sie machen das zugrunde liegende Muster deutlich:

Zwei Kennzahlen dominieren diesen Abschnitt. Über einen Zeitraum von 18 Monaten erreichten die Netto-Investorenabflüsse rund 125 Millionen Euro. Zusammen mit Dividendenausschüttungen und dem laufenden Schuldendienst baut der Fonds in dieser kurzen Zeitspanne mehr als 40 Prozent seines Bestands an liquiden Mitteln ab. Der Mittelabfluss im ersten Halbjahr 2026 übersteigt bereits den des gesamten Jahres 2025.
Die Aktivseite hält mit diesem Bedarf nicht Schritt. Die Veräußerungserlöse hinkten dem Liquiditätsbedarf bereits 2025 hinterher. Und im ersten Halbjahr 2026 wurde kein größerer Verkauf abgeschlossen. Zwar wurden zwei Verkaufsabschlüsse im Laufe des zweiten Halbjahres 2026 bekannt gegeben, die Verkaufspreise wurden demgegenüber allerdings nicht veröffentlicht. Ebenso ist davon auszugehen, dass im Rahmen dieser Verkäufe noch Fremdmittelrückführungen zu bedienen sein werden. Festzuhalten ist, dass die Verkäufe des Jahres 2025 einen leichten Verlust einbrachten. Das ist für sich genommen, an sich überschaubar, kann jedoch als Frühindikator unter anhaltendem Verkaufsdruck an Bedeutung gewinnen.
Das ist der strukturelle Kernpunkt, der nicht nur einen einzelnen Verwalter betrifft: Langfristige, illiquide Vermögenswerte werden durch Eigenkapital finanziert, das kurzfristig zurückgegeben werden kann. Solange das Zinsumfeld günstig bleibt, fällt diese Inkongruenz nicht auf. Kippt das Umfeld, werden aus Rückgaben sehr schnell Liquiditätsprobleme und aus Verkäufen alsbald Notverkäufe.
4. Was die Struktur bewirkt
Ein NAV, der in einem fallenden Markt steigt, beseitigt das Risiko nicht, sondern verlagert es, nämlich vom Preis selbst auf den Moment, in dem sich der Preis schließlich bewegt. Das ist die Illusion von Sicherheit auf den Punkt gebracht: Die Zahlen wirken genau dort am ruhigsten, wo sich das Risiko gerade aufbaut.
Bei einem Fonds dieses Profils treffen die Folgen die verbleibenden Anleger und nicht jene, die bereits jetzt den Exit suchen. Aussteigende Anleger werden zu einer NAV-Quotierung ausgezahlt, die die Marktentwicklung offensichtlich noch nicht nachvollzogen hat. Sollte der Rückgabedruck anhalten und sich laufende Verkäufe verzögern, muss der Fonds womöglich Liquiditätsmaßnahmen ergreifen. Den verbleibenden Anlegern drohen dann abrupte NAV-Korrekturen, ein verzögerter Zugriff auf ihr Kapital oder beides zusammen. Es wird allgemein erwartet, dass die anstehenden Änderungen des Investmentfondsgesetzes ab Anfang 2027 (mehr dazu hier ) den Rückgabedruck kurzfristig eher verstärken als lindern werden.
Hier stößt die Struktur an ihre eigenen Grenzen. Eine Immobilienbewertung dieser Art ist ereignisbezogen und konzeptionell rückwärtsgerichtet. Sie erfasst die Belastung erst im Nachhinein. Die Signale des Marktes bewegen sich zeitlich weitaus früher, wie Abschnitt 1 mit dem Stimmungsbild gezeigt hat. Diese stimmungsbildgetriebenen Signale zeigen sich weit vor dem Zeitpunkt der Immobilienbewertung, die sie schließlich bestätigt. Dieser Zeitraum, zwischen dem, was der Markt bereits anzeigt, und dem, was das NAV-Ergebnis erst noch nachvollziehen muss, ist der entscheidende Unterschied zwischen dem Umstand, ein Risiko zu steuern oder von ihm eingeholt zu werden.
Vor wenigen Tagen traf die Nachricht den deutschen Finanzmarkt wie ein Paukenschlag: Der offene Immobilienfonds Leading Cities Invest von KanAm wird geschlossen und abgewickelt. Belastet durch einen unkontrollierbaren Druck aus Mittelabflüssen und ein sich verschlechterndes Immobilienumfeld hat der Fonds das Handtuch geworfen.
Jahrelang wurden offene Immobilienfonds als Fundament konservativer Portfolios verkauft – langweilig, beständig und sicher. Doch wie die vorzeitige Abwicklung von KanAm zeigt, sind diese Vehikel ein Lehrbuchbeispiel dafür, was Nassim Nicholas Taleb in seinen Statistical Consequences of Fat Tails beschreibt. Sie verkörpern eine gefährliche strukturelle Illusion: Die meiste Zeit über weisen sie ein geringes Risiko auf, unterbrochen von plötzlichen, katastrophalen, durch Power Laws - Verhalten getriebenen Einbrüchen.
Um es auf den Punkt zu bringen: Nichts passiert, bis es passiert.
Betrachtet man die täglichen Preisänderungen bei KanAm über die gesamte Laufzeit, so verlief die überwiegende Mehrzahl der Tage völlig ereignislos.
KanAm Leading Cities Invest – eine Geschichte zweier Märkte:

Betrachtet man die Verteilung der täglichen Preisdifferenzen, so erzählt die Mitte der Verteilung eine Geschichte voller Ruhe. In beiden Fällen clustern die täglichen Preisänderungen eng um 0 %.

Wie jüngste Forschungsarbeiten der IREBS (International Real Estate Business School) zeigen, leiden offene Immobilienfonds unter einer hohen strukturellen Abhängigkeit bei Mittelabflüssen. Sobald ein Auslöser auftritt, wie etwa eine signifikante Abwertung des Fondsportfolios, bricht dieses Tail-Muster leicht auf.
Wenn institutionelle und private Anleger erst einmal Blut geleckt haben, beschleunigen sich die Mittelabflüsse. Da Immobilien weniger liquide sind, kann der Fonds Objekte nicht schnell genug veräußern, um die anstehenden Einlagenrücknahmen zu bedienen, ohne dabei die bestehenden Immobilienwerte zu schädigen. Dies setzt einen Teufelskreis in Gang:
Genau das ist bei KanAm im November 2023 passiert (siehe Grafik oben).
Wechselt man von der friedlichen „Mitte“ der Verteilung in den „Tail-Bereich“, wird offensichtlich, dass das Power-Law-Verhalten der Preisänderungen die Oberhand gewinnt.

In der obigen Grafik offenbart KanAm einen Pareto-Tail mit einem Alpha-Wert von 2,8. In der Welt der Tail-Risiken deutet ein so niedriges Alpha auf ein extrem ausgeprägtes Verlustrisiko hin. Dies bedeutet, dass extreme Schwankungen weitaus häufiger und mathematisch wahrscheinlicher sind, als es die Standard-Risikoklassifizierung jemals vermuten lassen würde.
Betrachtet man etwa die letzten 5 Jahre der Börsenkursentwicklung, erreicht die Volatilitätsschätzung (Volatility Estimation Valuation – VEV) von KanAm schwindelerregende 23 %. Ordnet man dieses Ergebnis gem. PRIIPs-Klassifizierung ein, so landet ein solcher VEV-Wert nicht in der niedrigen oder moderat-niedrigen Risikoklasse. Vielmehr ergibt das eine Einordnung in Risikoklasse 5, womit immerhin das Risikoprofil von volatilen Aktienfonds und High-Yield-Kreditinstrumenten erreicht wird.
Die massiven Markteinbrüche am 28. November 2023 und am 19. September 2025 waren die systemische Manifestation dieses Tail-Risikos. Frei nach Taleb handelt es sich hier um den Schwarzen Schwan, der das nahende Ende signalisiert.
Wenn wir KanAm als eine Art Blaupause für das Tail-Verhalten offener Immobilienfonds heranziehen, müssen wir den Blick unverzüglich auf andere Riesen im Markt richten, wie etwa UniImmo Wohnen ZBI.

Auch hier löste eine massive Abschreibung auf Vermögenswerte im Juni 2024 einen Kurseinbruch aus, was auf einen sich anbahnenden Schwarzen Schwan hindeutet. Die Tail-Analyse legt jedoch etwas anderes nahe: Der Kurseinbruch im Juni 2024 war kein Schwarzer Schwan, sondern ein Grauer Schwan. Ein Ereignis mit schwerwiegender Auswirkung, das allerdings zu erwarten ist, wenn die Preisentwicklung in deren Tail-Verhalten übergeht.
Da die Vermögenswerte weiterhin unter Druck stehen und die Korrelation der Mittelabflüsse in der gesamten Branche zunimmt, sitzt UniImmo auf exakt denselben strukturellen Verwerfungslinien. Das Tail-Verhalten hat sich bereits gezeigt. Sollte sich die Abhängigkeit der Mittelabflüsse im Markt verschärfen, ist eine beschleunigte Abwärtsspirale im Stil von KanAm ein realistisches Szenario und keine ferne mathematische Unmöglichkeit mehr.
Die Abwicklung des KanAm Leading Cities Invest ist eine eindringliche Erinnerung daran, dass in der Finanzwelt das Fehlen von Beweisen kein Beweis für deren Fehlen ist. Nur weil ein Fonds zehn Jahre lang keine Probleme gezeigt hat, bedeutet das nicht, dass es ein konservatives und sicheres Anlageprodukt ist. Es bedeutet lediglich, dass das Tail-Verhalten noch nicht ausgelöst wurde.
Sich auf glatte, historische NAV-Quotierungen zu verlassen, ist für Regulierungsbehörden, Vertriebspartner und Anleger gleichermaßen ein Rezept für den Ruin. Es ist an der Zeit, offene Immobilienfonds nicht länger als stabile Einlagenalternativen zu behandeln, sondern diese als das zu respektieren, was sie wirklich sind: wilde, extremwertlastige Anlagen, die bei einem Strukturbruch zu massiven Verlusten führen können.
Letztlich bedeutet die systemische Anfälligkeit offener Fonds für rasche Kapitalflucht, dass rückwärtsgewandte quantitative Kennzahlen nicht mehr ausreichen. Um in unruhigen Gewässern sicher zu steuern, ist Fondsmanagern dringend anzuraten, ihren Fokus weg von historischen Marktdaten hin zu echtzeit-basierten Marktsentiment Analysen zu verlagern. Das gibt ihnen die Chance, anstehende Marktentwicklungen zu antizipieren, ihre Risikopositionen anzupassen und sich rechtzeitig auf die wahrscheinlichsten Reaktionen ihrer Stakeholder vorzubereiten.
Die Geschichte wiederholt sich nie, aber sie reimt sich oft. Wieder einmal beherrschen Liquiditätsprobleme bei offenen Immobilienfonds die Schlagzeilen. Für erfahrene Marktbeobachter erinnert die aktuelle Lage unangenehm an die dunklen Tage der Finanzkrise 2008.
Wie die jüngste Medienberichterstattung zeigt, stehen offene Immobilienfonds wieder im Rampenlicht – leider aus den falschen Gründen. So weist etwa auch die aktuelle Scope-Marktstudie auf die wachsenden strukturellen Belastungen im Sektor hin (siehe auch: https://saprodscopeexplorer01.blob.core.windows.net/public/reports-links/Scope_Offene_Immobilienfonds_Gesamtmarktstudie_2026.pdf).
Für den durchschnittlichen Anleger ergibt sich daraus ein eklatantes Paradoxon. Wirft man einen Blick in das Marketingmaterial oder die Fondsunterlagen dieser Vehikel, findet man häufig eine Risikoklassifizierung (Summary Risk Indicator, SRI) von 2 (von insgesamt 7 Risikoklassen) und damit die Einstufung als „niedriges Risiko".
Wie kann ein als risikoarm eingestuftes Produkt plötzlich mit Fondsschließungen und der Aussetzung von Anteilsrücknahmen konfrontiert sein, sobald es am Markt etwas rauer wird?
Um zu verstehen, warum offene Fonds von Natur aus fragil sind, müssen wir ihren grundlegenden strukturellen Widerspruch betrachten: die Aktiv-Passiv-Asymmetrie.
Ein offener Immobilienfonds hält entweder Bestandsimmobilien oder Beteiligungen an Objektgesellschaften. Diese Vermögenswerte sind weniger liquide. Der Ein- oder Ausstieg dauert oft mehrere Monate, wenn nicht sogar länger. Auf der anderen Seite der Bilanz ist das Eigenkapital des Fonds theoretisch liquide: Anleger erwarten, ihr Kapital relativ kurzfristig abziehen zu können. Daraus entsteht eine kritische Fristeninkongruenz, die bei ungünstigen Marktentwicklungen sehr schnell bedrohlich werden kann.
Eine aktuelle Studie zu den Kapitalflüssen offener Immobilienfonds der IREBS Immobilienakademie hebt zwei weitere kritische Punkte hervor, die dieses strukturelle Problem zusätzlich verschärfen (siehe auch: https://epub.uni-regensburg.de/78310/1/Heft%2032.pdf):
Wie halten Fonds trotz allem ein risikoarmes Profil aufrecht? Dazu müssen wir die Mechanik des PRIIPs-Regelwerks (PRIIPs = Packaged Retail and Insurance-based Investment Products) betrachten.
Die SRI-Berechnung besteht aus zwei wesentlichen Komponenten:
Bei offenen Immobilienfonds wird das Marktrisiko über den Value-at-Risk (VaR) bei einem Konfidenzniveau von 97,5 % über die empfohlene Haltedauer (Recommended Holding Period, RHP) gemessen. Der VaR wird anschließend in eine annualisierte Volatilitätskennzahl rückgerechnet, die VaR-äquivalente Volatilität (VaR-Equivalent Volatility, VEV), um die endgültige Risikoklassifizierung vornehmen zu können.
Grundlage der VaR-Berechnung ist die Cornish-Fisher-Expansion:

mit:
Überführung in die VEV mittels:

mit:
Daraus ergibt sich folgende Risikoklassifizierung nach PRIIPs (MRM-Klassen):

Die MRM-Risikoklassifizierung basiert auf der Entwicklung des Net Asset Values (NAV) eines Fonds. Der wesentliche Treiber des NAV ist die Renditeentwicklung der zugrunde liegenden Anlageklasse.
Hier liegt aber schon ein wesentlicher Schwachpunkt: In der Regel werden die Immobilienrenditen einmal pro Quartal aktualisiert, während der NAV (bei Publikumsfonds) täglich veröffentlicht wird. Unter gewöhnlichen Marktbedingungen bewegt sich der tägliche NAV kaum und erzeugt so die Illusion einer ausgesprochen geringen Volatilität. Die PRIIPs-Formel verarbeitet diese Daten und errechnet ein „risikoarmes" Profil.
Doch nähern wir uns dieser Risikoklassifizierung anhand der tatsächlichen Renditeentwicklung einer Anlageklasse an. Hier ein Beispiel einer Immobilienrendite mit einem Zeitraum von über 20 Jahren:

Man beachte die langen Phasen geringer Schwankung, unterbrochen von scharfen, deutlichen Renditeänderungen.

Da die tatsächliche Frequenz der Renditeveränderungen quartalsweise und nicht täglich ist, fällt die Anzahl der Perioden (N) in der PRIIPs-Formel deutlich geringer aus. Das hat natürlich auch Auswirkung auf die Risikoklassifizierung selbst.
Berechnen wir die VaR-äquivalente Volatilität für diese Veranlagungsrendite mit der nunmehr niedrigeren Frequenz (niedrigeres N), so ergibt sich ein VEV in Höhe von 8,1 % p.a. bei einer Haltedauer von fünf Jahren. Damit haben wir bereits eine Verschiebung in die Risikoklasse 3, also von "niedriges Risiko" (Klasse 2) hin zu "mittleres Risiko" (Klasse 3).
Zur Einordnung: Bei einem VaR mit einem Konfidenzniveau von 97,5 % besteht eine Wahrscheinlichkeit von 2,5 %, dass der Verlust des eingesetzten Eigenkapitals mehr als 31 % beträgt. Im Detail:
Ein erwarteter Gesamtverlust von mehr als 31 % über die Haltedauer bei einer Wahrscheinlichkeit von 2,5 % klingt nicht mehr nach einem risikoarmen und sicheren Hafen.
Ein weiterer kritischer Faktor: Gewerbliche Investitionsrenditen folgen in der Regel Trends. So kann etwa während einer Phase geringer Schwankung die Rendite einem Aufwärtstrend folgen, was zu einer nachhaltigen Verschlechterung der Marktwerte führen kann.
Um die Konsequenzen dieser Trendlinien zu verstehen, haben wir das empirische Verhalten unserer Beispielrendite in ein Markov-Switching-Regimewechsel Modell überführt und eine Monte-Carlo-Simulation über einen Zeitraum von fünf Jahren durchgeführt. Auch hier sind die Ergebnisse ernüchternd:

Steigt man im falschen Markttrend in eine Position ein, liegt das Verlustrisiko bei nahezu 60 %, während der Value at Risk (bei 97,5 %) -6,4 % p.a. beträgt. Es besteht also eine Wahrscheinlichkeit von 2,5 %, über diesen Veranlagungszeitraum einen Gesamtverlust von mehr als 32 % zu erleiden.
Selbst wenn die Renditeentwicklungen unter günstigeren Bedingungen simuliert werden, hält der Value at Risk bei einem Konfidenzniveau von 97,5 % immer noch bei signifikanten -5,7 % p.a.

Auch aus dieser Perspektive sind wir weit von der Sicherheit eines „niedrigen" Risikoprofils entfernt.
Diese strukturellen und mathematischen Schwachstellen offener Immobilienfonds sind längst kein Thema mehr allein für quantitative Analysten. Sie haben offiziell den Gerichtssaal erreicht.
In einem wegweisenden Urteil entschied das Landgericht Nürnberg-Fürth (Az. 4 HK O 5879/24), dass ein großer Asset Manager einen seiner offenen Immobilienfonds nicht länger unter dem Label des geringen Risikos (nicht mehr SRI 2 und auch nicht SRI 3) vermarkten darf. Das Gericht ging so weit, die Niedrigrisiko-Einstufung als „Sicherheitsillusion" zu bezeichnen, und stellte fest, dass angesichts der tatsächlichen Frequenz der zugrunde liegenden Liegenschaftsbewertungen eine Risikoklasse 6 – gleichauf mit volatilen Aktienfonds – rechtlich gerechtfertigt sei. Der Fall wurde inzwischen zur abschließenden systemischen Auslegung an den Europäischen Gerichtshof verwiesen und ist damit noch offen. Die Signalwirkung im Markt ist allerdings unüberhörbar.
Die aktuelle Berechnungsmethodik schafft einen gefährlichen blinden Fleck. Indem es sich auf geglättete tägliche NAV-Daten stützt, die die illiquide Realität von Immobilienvermögen verschleiern, vermittelt die PRIIPs-Skala von 1 bis 7 ein trügerisches Gefühl der Sicherheit.
Ein SRI von 2 mag historische Compliance-Modelle zufriedenstellen, gewährt aber keine Immunität gegen die makroökonomische Schwerkraft. Wenn sich die Renditen verschieben und institutionelles Kapital den Ausgang sucht, wird die strukturelle Inkongruenz offener Fonds schonungslos offengelegt und lässt Privatanleger in eingefrorenen Vehikeln zurück.
Effizientes Risikomanagement findet sich nicht in einer geglätteten regulatorischen Formel. Es findet sich im Verständnis der Marktrealität. Für Asset Manager, Vertriebspartner und Anleger gleichermaßen lautet die Botschaft klar: Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, fehlende Liquidität verpackt in der Illusion eines geringen Risikos zu verkaufen.